Esther Bauer Zeitzeugin des Holocaust

Esther Bauer erreicht die Herzen

Mit ihren ersten beiden Sätzen hat Esther die Herzen der Schüler erobert: „Mein Mädchenname ist Jonas, mit den Jonas-brothers bin ich aber nicht verwandt...und das ist Herr Engel, mein Lebensgefährder!“ „Ich bin ihr toyboy!“ fügte dieser noch lächelnd hinzu. Toyboy? Jonas-brothers? Vor den Schülern standen zwei fast 90jährige Menschen, die doch sehr nah an den Schülern zu sein schienen. Und Lebensgefährder? War die alte Dame nicht als Zeitzeugin hierher gekommen, um über den Schrecken des Holocaust zu berichten und dann solche Witze? Die Schüler und Schülerinnen des Jahrgangs 10, zweier 9ter Klassen, einer 8ten Klasse und auch ca. 40 Oberstufenschüler waren irritiert und fasziniert – und von Esther begeistert.

Leben während des Nationalsozialismus

Esther Bauer berichtete am Freitag, dem 8.11.2013, 90 Minuten lang aus ihrem Leben während des Nationalsozialismus, sprach über ihre Deportation nach Theresienstadt, dann Auschwitz, die Fabrikarbeit in einem Lager in Friedeberg in Sachsen und schließlich das Leid in Mauthausen, wo sie schwer krank befreit wurde. Sie erzählte von ihren Eltern, Dr. Alberto Jonas, welcher über Jahrzehnte die jüdische Mädchenschule im Karolinenviertel leitete, ihrer Mutter Dr. Marie Jonas, die als Ärztin am UKE arbeitete, und ihrer Jugend in Eppendorf.

Seit dem Krieg in New York

Auch wenn Esther seit dem Krieg in New York lebt, ist in ihr doch noch deutlich die Hamburger Deern zu erkennen, die einst gegen ihren Vater, den Schuldirektor und gläubigen Juden, opponierte und sich aus dem Hinterfenster herausstahl, um entgegen seinem Verbot ins Kino gehen zu können. Sie hat sich in all dem Grauen, das sie durchlebt hat, einen menschlichen Blick auf das Unmenschliche erhalten können, der erfrischend natürlich und ehrlich wirkt, Pauschalisierungen vermeidet – und dadurch um so mehr berührt.

Es gab auch gute Deutsche

Da gibt es neben schrecklichen SS-Aufseherinnen und schlimmen Nazis immer wieder auch gute Deutsche, Freunde, die trotz Benzinknappheit durch ganz Deutschland fuhren, um Esther aus dem österreichischen Mauthausen wieder nach Hamburg zu bringen. Männer, die aufstanden und der jungen 18jährigen an der Haltestelle Kellinghusenstraße ihren Platz in der U-Bahn anboten – trotz oder vielleicht wegen ihres Judensterns, den sie eigentlich verbergen wollte. Und auch die Not wird differenziert dargestellt.

Lagerleben

Die Bettwanzen werden beschrieben, unter denen Esther in den Lagern litt und auch das furchtbare Essen, immer versuchte sie jedoch in all dem Grauen einen Rest Würde und Menschlichkeit aufrechtzuerhalten und für sich zu sorgen. Aus dem Aluminium für die Flugzeuge hat sie einen Kamm gesägt als endlich die Haare nachgewachsen waren und einen Teil der Butterration wurde der Gesichtspflege gewidmet. Gerade dieser persönliche Blick auf die geschilderten Ereignisse erreichte die Schüler und Schülerinnen, von denen sich viele am Ende einzeln bei Esther bedankt haben. Und damit nicht genug:

E-Mail-Adresse dagelassen

Esther hat im Nachgespräch ihre Visitenkarte dagelassen mit der Bitte, doch e-mails der Schüler an sie weiterzuleiten, falls es noch weitere Fragen gäbe, auch über Briefe würde sie sich freuen. Und Herr Engel? Herr Engel übersetzte Esther die Fragen der Schüler und sprach mit uns allen Deutsch, mit Esther aber durchgängig Englisch. Wieso das? Herr Engel stammt aus der Rheinpfalz und spricht Dialekt – und Esther, die Hamburgerin, weigert sich, das zu verstehen. „Das ist ja gar kein Deutsch!“ sagte sie und rümpfte die Nase – auch hierin immer noch das Hamburger Mädchen aus Eppendorf.

13. November
Jan Kleinichen
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